wiewirnennen

2013.01.05

MANUAL FÜR WOLKENKOPP
DIE ÜBERSTIMULIERTEN
zu nah am markt
mundane erbauung
2 männer kamen, tröstend, ins obergemach
noli me tangere, denn ich bin nicht aufgefahren
terminologie der klapse
vom beweis befreite thesen
gattungsbegriff der eine bremse ist
sonntag des metaphernmenschen
donnerstag des metaphernmenschen
himmelfahrt des metaphernmenschen

(vergessene datei geöffnet. aha. datei wieder geschlossen. datei vergessen)

5 comments

  1. Moment! Die „vom beweis befreite[n] thesen“ haben das Vergessen nicht verdient, finde ich.

    kardinalkönig, 06.01.2013
  2. Beim 2. Lesen scheint mir hier auch Zeitgemäßes gesehen, das gerade bei der Kürze der Sammlung überrascht.

    blinkyblanky, 07.01.2013
  3. dateien öffnen, hinaustragen, auch die gattungsfragen (metaphern), bremsen, liegen lassen, himmelfahrenlassen.
    donnerstagmenschen.

    hihi, 08.01.2013
  4. DER SONNTAG DES METAPHERNMENSCHEN

    Was sind Mäuse? Was Wolken? Es gibt einen Antagonismus zwischen Wolken und Mäusen. Wir werden später sehen, welchen. Einstweilen sehen wir sie einander an, gegenüber gestellt mithilfe der Verben und verwirrt unter Verwendung von Präpositionen.

    Erstens: Wir nehmen die Mäuse, um den Menschen zu zeigen. Wie das? Etwa rücksichtlich der uralten Annahme, die besagt, es sei das Große mithilfe seiner kleinsten Einheiten zu verstehen? Kann sein. Zwar ist substanzlogisch noch nicht geklärt, ob Menschen aus Mäusen bestehen. Doch solange nicht feststeht, WAS Menschen sind, ist die Mutmaßung, dass sie womöglich NICHT aus Mäusen bestehen, unerheblich. Halten wir fest: Es kollidieren zwei Gattungsrealitäten. Die der Wolken und die der Mäuse. Jede Abweichung im Maßstab Größe reizt zum Lachen. Zum Beispiel die Umbesetzung einer Primaballerina durch etwas, das viel größer ist als sie. Sie (die Abweichung) ist komisch. Bergson sagt, komisch ist das, worin der Mensch einem Objekt ähnelt. Nimmt das Über- oder Untertriebene sofort objektartige Züge an? Aber von welcher Position aus, muss gefragt werden. Wäre das nicht eine äußerst brutale Form der Normalisierung, die alles zum Objekt erklärt, was ihrer Dosierung nicht entspricht? Hu. Mäuse erwähnt er (Bergson) nicht. Iiieeeeh! Zurück zum Sonntag des Metaphernmenschen.

    Was ist der Mensch? Worin besteht die Gattungsrealität des Menschen? Spreche ich das Wesentliche an, wenn ich welche sehe und nun sage, dass es Menschen sind? Der Gattungsbegriff Mensch verstellt und bremst. Ob ich Gruppen betrachte oder Individuen, es bleibt sich gleich: Das Gattungssubjekt abstrahiert vom Geschehen. Immer. Gut – – – fast immer. Es schafft ein begriffliches Tableau, in dem wir alle angebunden sind, kurz oder lang. Auch in Szenen. Dann umso mehr.

    Die Mäuse hingegen stehen im Verweissystem des Menschen für ein richtungswirres Flitzen ein. Das teilen sie mit denen, die wir liebten oder lieben. Wenn wir diejenigen Menschen nennen, werden sie nie bei uns klingeln. Als Mäuse tun sie das auch nicht. Aber: Mittels des Flitzens können wir das Geschehen, können wir die Geste retten. Wir können die Geste retten und zwar in der Figur der Energiebahnen der Mäuse.

    Energiebahnen schraffieren (ja, besticken flitzend) den (wie Tillich sagen würde) Triebgrund der Wirklichkeit. Ich wiederhole: Der Triebgrund der Wirklichkeit von Energiebahnen überflitzt. Das Flitzen ist das Flitzen der Gedanken, die schneller sind als ihr (als mein) Bewusstsein und mich daher immer leicht verstört und geplündert zurücklassen. Ihrem Spott ausgesetzt. Im Sturz. Der möge bitte zärtlich sein. Hängematte, Wolkenfalle, Riesentatze, Linderung. Haut nicht hin. Das Flitzen ist aber auch das der Mäuse und generell aller Wesen, die schneller sind als wir. Sie würden sich auf uns draufwerfen, wären wir hier. Wer ist wir? Wir? Das haben wir doch schon zu Anfang gesagt: Wir, das sind die Menschen.

    Doch einen Schritt zurück, du Mensch (gesagt mit Verachtung): Man beachte hier auch das Energetische des Sich-Drauf-Werfens. Des Überwerfens. Des schamanisch-malerischen Liegenbleibens. Des Zusammenstellens der Draufgeworfenen. Der Drunterwegkriechenden. Der im Verborgenen Herumnestelnden. Der Kabel benagenden. Der Komisch-Druffgekommenen. Der schon wieder Komisch Druffgekommenen. Der Neugruppierten. Der Sich im Gleichgewicht Befindlichen. Der Sich Außerhalb des Gleichgewichts Befindlichen. Der Köttelbringenden. Der Überdrehten und der Überglücklichen. Der Verkappten und der Bewölkten. Der Kreiselnden und der auf alles Druffhubbenden.

    Hiermit kommen wir zur Performance und fragen: Was ist deren Substanz? Substanzabwehr könnte eine Antwort sein. Performance, klarifiziert die Wolke, ist die Stelle wo Routine und ihre Abwehr aufeinander treffen, damit etwas entsteht. Etwas entsteht. Eh. Wolken übrigens ekeln sich total vorm Entstehen. Ich möchte an dieser Stelle die Gelegenheit nutzen und an das Selbstvergessene der Mäuse erinnern. Sie denken überhaupt nicht evolutionär. Zum Glück für die Glücklichen. Mäuse verlieren sich flitzend in ihren richtungsblinden Wünschen, so vergeht für die Mäuse sehr viel Zeit in aller Kürze. Sie teilen mit den Spatzen das (laut Cotten) glückliche Los, dass ihnen nie langweilig ist. Im Gegensatz zu den Menschen, denen konstant derart langweilig ist, dass sie kaum unterscheiden können zwischen ihrem Leben und ihrer Langeweile. Komischerweise macht sie das nicht oder sehr depressiv, lässt es sie Selbstliebe oder Selbsthass entwickeln, aber in allen genannten Fällen kreist ein Karussell um den Kern, der alle nervt. Steigen Sie auf. Lieber nicht.

    Sagt eine Maus zur anderen: Du, wir haben das hier alles aus unseren Affekten gebaut. Aha. Emotionsförmiges Erdgeschoss unserer Montage. Gefahrenöffnung. Heiliggeistloch. Wolkenbrunnen. Geheimer Flur ins Wunder (den es sowieso nicht gibt, sagt Salamun). Vierzehn Semester Wolkenkunde, damals war das noch möglich. Heute schlägt man dem Menschen alles ab und sagt: So. Los. Aber darum soll es jetzt nicht gehen.

    Sondern um etwas, das nicht langweilig ist und nur in Grenzen bedrohlich, also nicht ausschließlich zerstörerisch. Eine gute Performance zum Beispiel. Denn Mäuse mögen Phänomene. Sie reißen den Boden heraus. Sie sagen: Bitte machen Sie den Abgrund frei. Bitte drehen Sie das Bild. Und ein Stück weiter noch. Zusammenstellung ist ein Raumbegriff. Berliner Kammerjäger sagen: Wenn Sie im dritten Stock auf Mäuse treffen, sind die Ratten im Erdgeschoss der Grund dafür. Daher könne er bei Mäusen im Dritten Stock nicht tätig werden, bevor die Ratten aus dem Erdschoss, Keller und Garten vertrieben sind. Oh. Das sind harte Zeilen am Sonntag des Metaphernmenschen. Wolken verdunkeln die Nachmittagssonne.

    Auf. Auf. Auf. Letzte Frage: Wer darf Verschwendung sagen? Nur wer den Triebgrund der Wirklichkeit flitzend bestickt, der darf Verschwendung sagen. Die andere halten bitte die kleinen schwarzen Schnauzen der Mäuse, die sie mal ein wenig schmerzen, mal ein wenig jucken, wie Tomaz Salamun in seinem Gedicht „MENSCH“ schrieb. Tomaz Salamun ist ein sehr guter Dichter, der sich gerne mit Mäusen umgibt, und im Sommer jeden Tag vier Stunden lang das Schloss Duino umschwimmt. Aber nicht wegen des Schlosses, sondern wegen der Landschaft. Daher ist er gut und freundlich, elegant und spirituell wie ein Bogen. Wie die meisten, die sich mit Mäusen umgeben. Die Mäuse aber sagen: Niemand kann nicht ans Werk gehn. Hier zitieren die Mäuse Elke Erb. Und als sie sahen, dass sie noch ein Liebesleben hatten, dass sie noch ein Liebesleben hatten, liefen sie von dannen.

    m, 12.01.2013
  5. Zu: Kerstin Cmelka: Mäuse. Ein Bilderbuch mit Fotografien von 1983 bis 2011. Merve Verlag. 2012.

    m, 12.01.2013

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