OH IHR VERLASSENEN ZELTSTÄDTE

2011.09.24

At the campsite, now abandoned, stay and call her name. Oh, ihr verlassenen Zeltstädte. Oh, ihr verlassenen Zeltstädte. Oh, ihr verlassenen Zeltstädte. Jahrelang reist er der Geliebten hinterher und nie findet er etwas anderes als verlassene Zeltstädte. Es sind die Stationen ihrer Entfernung. Er erkennt die Spuren und erinnert sich an den letzten Moment, in dem er sie sah, bevor die Kamele ihrer Karawane mit der Wüste verschmolzen. Manchmal Trugbilder, bis hin zum bestickten Dessin ihrer Sänfte.[1]

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  1. * * *

    Anfangs erwarteten wir das Publikum im Stehen, einen Schlafsack über den Kopf gestülpt, so dass leise wie heimliches Weinen darunter auf unseren Wangen die Schminke verlief. Da hätte man sich auf den Kopf stellen können (wir standen auf dem Kopf) – oder in der Luft zerreißen (wir zerrissen die Luft): Es blieb mühsam, finster und neigte zur Überhitzung. Dann runter mit dem Sack. Rinck nach wie vor verwirrt.

    * * *

    Wir saßen in einer schicken Bude, blickten auf die Kathedrale, aßen Suppe und er sagte: „Es wird Sie vielleicht interessieren, dass wir Litauer kein Wort für die intimste Kleidung kennen.“ Es waren schöne Tage in der Fremde, an die ich dankbar denke, heute noch.

    * * *

    WILLKOMMEN IN DER PENSION RÄUBERHÖHLE! Bitte zählen Sie Ihre Finger. Die Worte Hostility und Hospitality (hostilité und hospitalité) teilen einen Stamm. Darauf macht Michel Serres in seinem Buch: DER PARASIT aufmerksam. “ Es kann gefährlich sein, nicht zu entscheiden, wer l’hôte, wer da Gast und wer Wirt ist, wer gibt und wer empfängt, wer Parasit ist und wem die Tafel gehört, wer die Gabe und wer den Schaden hat und wo in der Gastsfreundschaft, in der hospitalité, die Feindseligkeit, die hostilité beginnt. Wem käme nicht in einer finsteren Spelunke die Angst an? .. Dasselbe Wort, aktiv und passiv, Schmähung und Güte, Hass und Wohlwollen.“[2] Die absolute Ambivalenz des auf die Gastfreundschaft angewiesenen Fremden: Er weiß nicht, ob er verpflegt oder verzehrt wird. Als Fremder ist er in Gefahr. Ich erinnere an das kärftigende bittersaure Ernüchterungssüppchen aus menschlichen Organen von Fremden, das zu kredenzen unter chinesischen Räuberbanden Brauch war.[3]

    * * *

    Kann sich jemand von Euch erinnern, was mit der Notiz „wiederbelebte Stampfkartoffeln“ gemeint gewesen sein könnte? Eine lange Reise, die mich aus meinem Gedächtnis herausführt, in das Land des Schlafs, in dem nur die Zeit vergeht, vergeht, vergeht, der Rest bleibt stehen.

    * * *

    HOTEL HOHN

    Hört ihr das, so höhnen Honigprotokolle, hoho, sie schicken dich

    in ein Airporthotel! Sie sagen: Geh hin, wo’s unschön ist, wo’s kostet,

    und nimm das falsche Bett, doch schlafe nicht darin, nur liege,

    und im Liegen hör dir an, mit welcher Finesse in Fetzen gerissen

    die Luft wird, von den Propellermaschinen, die immerzu starten,

    immerzu landen, immerzu reißen in Fetzen. Erhole dich gut.

    Aus wie viel tausend Metern Höhe? Oh nein! Tu das bitte nicht.

    Nun wirst nicht auch du noch die Leere befördern. Sei eigen.

    Aber wozu? Du musst überdauern, überwintern in die alte Wut

    und die Bereitschaft, etwas zu verschlimmern. Nicht tauschen,

    sondern draufhaun. Wenn es heißt: Oder auch mal umgekehrt,

    was sagst du da? Da sagst du: Nein. Impressionismus aus, vorbei.

    Schau, alle andern, welche wahllos, aber reinen Herzens waren,

    gehen weg. Aber „weg“? Da warst du doch schon! Wie viel ist das

    umgerechnet in Dollars, in Sex oder in Stunden? Hör auf damit,

    es wird nicht mehr getauscht. Du wirst schon morgen verreisen,

    du wirst es allen sagen: Das ist mehr als ihr euch leisten könnt.

    * * *

    Man stelle sich das vor: Die Jünger, Jesus auf der Hochzeit zu Kanaan ein wo Maria bereits zu Gast ist. Sie sind ausgelassen, möchten trinken. Der eine oder andere Jünger mag sich vielleicht bereits beklagen. Maria raunt Jesus zu: Sie haben nicht Wein. Jesus reagiert ungehalten, in der Übersetzung Luther fährt er sie an: Weib, was hab ich mit dir zu schaffen? Wörtlich übersetzt: Was ist Dir und mir? Das ist ein Zitat aus 1. Könige 17. Dort stellt die Witwe aus Zarefat diese Frage dem reisenden Propheten Eliaj, der bei ihr zu Gast ist, nachdem ihr Sohn tödlich erkrankt ist, und das obwohl sie dem Propheten Obhut gibt. Sie macht ihm Vorwürfe, als Gottesmann die Krankheit ihres Sohnes nicht verhindert zu haben. Mit einem dreifachen Kontaktwunder bringt der Prophet den Sohn der Witwe ins Leben zurück: Sieh, dein Sohn lebt. Auf der Hochzeit fügt Jesus hinzu: Meine Stunde ist noch nicht da, woraufhin Maria sich an die Bediensteten wendet mit dem Hinweis: Was er euch sagt, das tut. Nun war seine letzte Äußerung ja keine Anweisung, sondern vielmehr eine Begründung seiner Abwehr. Dennoch werden Krüge mit Wasser gefüllt, das sich daraufhin in Wein verwandelt – und zwar ein Wein von überlegener Qualität, wie uns mitgeteilt wird. In beiden Fällen werden offenbar Formen der Gastlichkeit behandelt – und: Schankwunder, Heilungswunder. Wie sich die Geselligkeit auflöst, wird uns, soweit ich weiß, in keinem der Fälle berichtet.

    * * *

    Tötet den Lobesboten. Lobet den Todesboten.
    Der gelobte Bote kommt. Oh, den Boten zu loben.
    Der totgelobte Boten lötete den Lobesboden.
    Bootet den Lodenhoden. Hobelt. Lodert. Lobt.
    Tötet den Lobesboten. Lobet den Todesboten.

    Denn den Boten zu töten oder den Boten zu loben sei bezüglich der Zurkenntnisnahme der Botschaft gleichermaßen hinderlich, so dass den Boten zu loben, dem gleichkomme, was einmal der Mord an dem Boten gewesen sei. Für den Boten selbst sei der Unterschied freilich immens. Die Nachricht aber verhalle im Lob wie im Mord ungehört. Das behauptet zumindest der Salewski, der sich als Bote vielfach verdingt hat und darin viel Lob erfuhr. Wir möchten zudem auf die ambivalente Binnenlogik von Lob als solchem verweisen. Was sagt man da: Danke. Oder haben Sie eine überlegene Idee?

    * * *

    Küsst der Papst eigentlich alle Böden?
    Nein, nur der Pole küsste alle Böden.

    * * *

    Man hat Teil an einer anderen Zeit, je nach dem, wo man sie verbringt. Der Zuhausegebliebene erlebt eine anderer Zeit als der Reisende. Treffen die beiden nun wieder aufeinander, kollidieren zwei zeitliche Verfasstheiten. Man bewegt sich durch unterschiedliche Zeitzonen hindurch. In wie vielen davon kann man leben, fragt Jan Verwoert. [4]

    * * *

    DAS SUPER MOPPED: „Bis dahin muss aber vor allem ein einziges Modell perfekt sein: Die Desmosedici des Rennfahrers. So melodisch klingt dieser Name, so markig verkündet Rossi: „Ich will dafür sorgen, dass das Instrument in meiner Tonart spielen kann.“ Seine Tonart ist ein klares C-Dur, die pfeilschnelle Desmosedici aber macht Zicken, sie schlägt aus, schrillt und pfeift. „Sie ist ein schlimmes, ein böses Motorrad“, frotzelt Rossi, „sie ist anders als alle anderen Maschinen, man muss sie mit Krallen fahren.“ Es geht nicht um Perfektion, es geht um Empathie und Beherrschung.“

    „Fünf oder sechs Monate, dann sei er vielleicht wieder der Alte, verspricht Rossi. „Ich werde natürlich versuchen schneller zu sein als alle anderen. Aber mein Körper entscheidet. Ich wohne nur darin.“[5]

    * * *

    SENSE

    Hört ihr das, so höhnen Honigprotokolle, sie wollen in die Zukunft gehen.

    Sie sind es leid, immerzu nur zu beschreiben, was passiert ist. Sie wollen

    selbst hinaus. Ey, hör zu, ich hab das Geld, fünfzig zugeknallte Euroletten,

    und wo die sind, ist noch viel mehr davon. Ich hol dich mit einem Taxi ab.

    Sag mir die Nummer. Ich bin sogleich da. Du hast etwa zehn Minuten,

    um dich schick zu machen. Ich will den Liebreiz sehn. Windbewegte Härchen,

    die in die Zukunft gehn. Da will ich hin. Mit dir. Wohin? Ja, was, wohin??

    Das wissen wir noch nicht. Wir können es nicht wissen, weil das, Süßer,

    eben Zukunft ist. Logisch. Ich bring dich hin. Das ist der ganze Sinn, der Rest

    ist Sense. Schau: Freiheit kann ich dir nicht geben, die kann ich dir nur lassen.

    Ich kann auch niemanden verhungern, ich kann ihn nur verhungern lassen.

    Jahaa, ich könnte ihm zu essen geben. Das hast du ganz richtig angemerkt.

    Doch jetzt käm’s einfach darauf an, dass du nimmst, was ich dir zu geben

    vermutlich in der Lage bin. Ich leg jetzt auf, ich komm zu dir, ich bring dich hin.

    * * *

    Der Kunde, der sich von den Drogen abgewandt hat, erlebt seine örtliche Position mit einer neuen Unausweichlichkeit. Danach ist die Entscheidung zu bleiben oder zu gehen redlicher, doch vor allem radikaler geworden. Zudem vermehrt sie sich, viel häufiger als bisher steht der Kunde vor ihr. Denn die Möglichkeit, das Bewusstsein zu beeinflussen, um den Ort zu verwandeln, ohne ihn zu verlassen, steht ihm nicht mehr zur Verfügung. Sein keuscher Körper radikalisiert sich in Bezug auf seine räumlichen Koordinaten. Der Raum scheint mit einer neuen Verbindlichkeit begabt zu sein. Die Entscheidung zu bleiben oder zu gehen wird immer deutlicher zur eigenen. Die Brücken sind gekappt. So steht er da, der Kunde. Er wagt nicht mehr, das, was nicht knallt, wegzuschmeißen oder zu verlassen als sei es nichts – wie nur Abhängige es können. Auf der Suche nach Trost. Auf der Suche nach Trostlosigkeit. Auf der Suche nach beidem, am Ort des jeweils anderen, wie nur Abhängige es können. Aber der neue Kunde kennt den Ort und weiß, es ist vorbei. Um den Preis seines Lebens kann er nicht mehr zurück.

    * * *

    Offenbar ein Eid ein Traum. Ausweichen. Ausweichend haben wir aber mit Blüten * mit Blumen * geworfen, oder irgendetwas anderem, den Rückzug umflogen Knospen, schöne Geldscheine, Menschen von ebenmäßigem Teint. Oh allseitige Luft unserer Flucht, wie bläuest du, pastellene Diva.

    * * *

    Roland Barthes skizziert folgenden Konflikt: Gide hat ein Manifest unterzeichnet, und die Leute in seinem Umkreis gingen davon aus, dass man seine Unterschrift missbräuchlich verwendet habe, da sie nicht annahmen, er würde ein solches Manifest unterzeichnen wollen. Sie riefen ihn an. Er selbst kann sich nicht mehr genau erinnern, aber dann: ja, Am Abend vor einer Abreise habe er einen Anruf bekommen, es könne sein, er wisse es nicht mehr genau, vielleicht habe er schon ja gesagt.. Da regt sich Protest: „Möglich, aber, wenn man Sie ist, unterschreibt man nicht, weil andere unterschrieben haben, und schon gar nicht etwas, was man schlecht oder gar nicht versteht.“ Es geht aber weiter: Mauriac attackiert öffentlich im Figaro das Manifest, nun wird Gide wieder von den anderen angerufen, er müsse öffentlich antworten, er sei schließlich der prominenteste Unterzeichner des Manifests.

    Gide: Ach, sie sind lästig. Es geht weiter, er müsse, was er unterschrieben habe, doch auch verteidigen können etcpp. Gide: Ich reise ab.

    Barthes kommentiert: „Neutrale Lehre daraus (keineswegs willfährige, impertinente/ nicht-pertinente, sogar belustigte Reaktion auf all diese ernsthaft engagierten Quälgeister). 1) Sie sind lästig! 2) Ich bin auf Reisen.“[6] Doch der Höhepunkt sei erst dann erreicht, wenn man sich ins Wasser werfe. Diese Geste nennt Barthes: die köstlichste aller schiefen Erwiderungen. Sie geht auf Eurylochus zurück, der angesichts der beharrlichen Fragen seiner Schüler sein Gewand von sich warf und über den Alpheios hinüberschwamm. Wie man sich dieses Wissen zu nutzen machen könne, fragte eine Besucherin als wir nach der Schow vor der Heine-Buchhandlung standen. Hm. Ich wusste es nicht, nur: sich mit einem Fuß in eine Pfütze zu stellen, ist sicher nicht dasselbe.

    * * *

    Mein goldener Schwanz hat eine Armee in mich verliebt gemacht, die mir seither folgt.

    * * *

    Wenn man Sie ist, unterschreibt man nichts, was man nicht versteht. Wenn man Sie ist, unterschreibt man nichts, am Vorabend einer Reise. Wenn man Sie ist, unterschreibt man nichts, weil andere es unterschrieben haben.

    * * *

    SIE SIND LÄSTIG. ICH REISE AB.

    [1] Siehe: The Tarjuman Al-Ashwaq. Der Dolmetsch der Sehnsüchte (übersetzt ins Englische von Reynold A. Nicholson oder Michael A. Sells) von Muhyiddin Ibn Al-Arabi. 1165 – 1240. (Erstzititerte Zeile aus: Michael A. Sells: Station sof Desire. Jerusalem, 2008. Seite 134.)

    [2] Michel Serres: Der Parasit. Übersetzt von Michael Bischoff. Frankfurt am Main 1987. Seite 32.

    [3] Siehe: Die Räuber vom Liang-Schan-Moor. Ein chinesisches Volksbuch aus dem 13. Jahrhundert.

    [4] Jan Verwoert: Exhaustion and Exuberance. Ways to defy the pressure to perform. In: Tell me what you want, what you really, really want. Berlin 2010. Seite 39.

    [5] Valentino Rossi: Dottore hat Schmerzen. Von Birgit Schönau. SZ am 3.2.2011

    [6] Roland Barthes: Das Neutrum. Übersetzt von Horst Brühmann. Frankfurt am Main 2005. Seite 192.

    m, 30.11.2011

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