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… der schlaudumme Dämon des Leibes – ein ungezähmter Naturgeist – Erfinder von Musik Sprache Tanz Feuerstelle Feuerstein Opfer Tabak – weder Vater noch Mutter – er schleift etwas Langes, nicht Geheures hinter sich her, weiß aber nicht, was es ist – Tage sind Jahre – Monate sind Tage – narrt die Menschen so, wie ihre heimlichen, verbotenen Wünsche sie narren – wo er hinkommt bricht Panik aus – Er begeht Handlungen die so widernatürlich sind dass selbst die Tiere ihn verlassen – der Fuchs und der Häher und der Niß rannten alle davon – maßlos, zuchtlos aber zugleich noch ganz unschuldig – kein Geist von Griechenland her – Waschbärkinder – Verspottung der Menschengesellschaft – wohltätiger Narr – narrhafter Mäzen – Schwitzen Spucken Rülpsen – durch Nachahmung dem Lachen überantwortet – das Boot anbrüllen: aus eigener Kraft kannst du dich nicht bewegen und kannst nichts bewegen – zertrümmert das Boot wirft das magische Kriegsbündel und die Waffen fort – ein Es mit dem Ehrennamen Ich – arbeitet nicht, aber macht Erfindungen – den Tieren mimetisch ihr Geheimnis abgeluchst – fragt die Tiere und Pflanzen nach dem Weg und erfindet dabei die Sprache wegen der Namen – im Dahinschlendern nannte er alle Dinge der Welt bei ihrem Namen – er trägt ein Elchgeweih – vor allem sein Penis hat eine völlig selbständige Existenz und ist so lang dass er ihn in einem Kasten auf dem Rücken mit sich herumtragen muss – er will alle Gefährten loswerden – es gelingt ihm nicht oder nur halb – wandert weiter immer weiter ….

(Nach Elisabeth Lenk: Der Schelm oder die anarchische Struktur des Unbewussten)

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„Um es herum riss schon das riesige, menschenleere Patagonien sein Maul auf. Aber es ließ sich nicht einschüchtern. Es rückte vor, gab Gas, als wüsste es, wohin es fuhr, oder als führe es irgendwohin. Oder als führe es nirgendwohin. Es war das Kompassnadel-Auto, die Sprudelwasserblase des Windes, der blaue Punkt des Himmels, das Geheimnis in all seinen Dimensionen. Ein Geheimnis nimmt keinen Raum ein, sagt der Volksmund. Einverstanden, aber es durchquert ihn.“ (César Aira: Die Schneiderin und der Wind, übersetzt von Christian Hansen)

… und wendet sich ab …

„Das Monströse an Frankenstein ist dann, dass er sich einfach kopfschüttelnd abwenden und ohne uns ins Nirwana gleiten könnte. Das Monströse wäre, dass er aufhörte, proletarisch – vom Konsum seiner eigenen Produktivität abgeschnitten – zu sein. Dass die Maschine sich besinnen und der Rekrutierung durch den kapitalistischen Menschen entziehen könnte.“  (Luise Meier: MRX Maschine.)

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„25. Juni. Bei dem Haupt des wissenschaftlichen Okkultismus, dem Direktor der Initiation eingeladen. Als der Doktor und ich in Marolles en Brie anlangen, werden wir von drei schlechten Nachrichten empfangen. Ein Wiesel hatte die Enten getötet, eine Magd war erkrankt, das dritte ist mir entfallen.“

„1. Juli. Ich erwarte irgendwo eine Eruption, ein Erdbeben, einen Blitzschlag. Nervös wie ein Pferd beim Nahen der Wölfe wittere ich die Gefahr, packe meine Koffer zur Flucht, ohne mich indessen noch zu ihr entschließen zu können.“

Strindberg: Inferno. Übersetzt von Christian Morgenstern. 1898 Berlin.

I Die Bienen

Rabbi Rafael von Berschad sprach: „Es heißt, die Hochmütigen werden als Bienen wiedergeboren. Denn der Hochmütige spricht in seinem Herzen: ‚Ich bin ein Schreiber, ich bin ein Singer, ich bin ein Lehrer.‘ Und weil von diesen gilt, was gesagt ist, dass sie noch an der Schwelle der Hölle nicht umkehren, werden sie nach dem Tode als Bienen wiedergeboren. Die summen und surren: ‚Ich bin, ich bin, ich bin!'“

Ergänzungen zu dem obigen Bericht: Von der Sonne

2
Die Sonne ist so groß, wie sie uns erscheint.

3
Die Sonne hat die Breite eines menschlichen Fußes.

4
Die Sonne ist neu an jedem Tage.*

5
Wenn es die Sonne nicht gäbe, dann wäre es wegen der anderen Gestirne Nacht.

6
Die Sonne sei eine vernunftbegabte Entzündung aus dem Meere.

7
Die Gestirne seien Verdichtungen von Feuer.

8
Die Gestirne ernährten sich von der Ausdünstung der Erde.

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* d. h. an jedem Morgen entzündet sich (aus den Ausdünstungen des Meeres) eine neue Sonne, da die alte, d. h. die des vergangenen Tages, bei ihrem Untergange wirklich erloschen ist, so Herakleitos von Ephesos.

… des Lichts beraubte Luft …

„Des Lichts beraubte Luft – nichts anderes ist, was wir Schatten nennen. Zwar wird nacheinander bestimmten Stellen am Boden Sonnenlicht genommen, überall dort nämlich, wo wir ihm mit unserer Bewegung den Weg verlegen, doch dann, indem wir weitergehen, wird die verlassene Stelle erneut mit Licht gefüllt. Es mag so aussehen, als folge uns auf Schritt und Tritt unverändert der gleiche Schatten, in Wahrheit aber fließen immer neue Strahlen dorthin, wo wir gerade waren, während die alten vergehen, als spinne man Wollfäden ins Feuer. So wird der Boden sowohl des Lichts beraubt wie von diesem erneut überflutet, die dunklen Schatten wie weggewaschen.“

Lukrez: Über die Natur der Dinge, übersetzt von Binder.

… Ich denke, das sind meine Fransen …

„Fünf oder sechs Tage danach war ich zum Abendessen beim König. [Sonnenkönig in Versailles] Bei den Desserts nahm ich in der Luft, über der Tafel, irgendetwas Großes, Massiges und irgendwie Dunkles wahr, das ich aufgrund der Geschwindigkeit, mit der dieses große Ding auf das Ende der Tafel fiel, nicht Zeit hatte zu erkennen oder darauf zu zeigen. [..] Der Lärm, den es machte, während es fiel, und das Gewicht dieses Dinges ließen einen denken, es würde den Tisch eindrücken, es ließ die Schüsseln klirren, aber ohne eine umzustoßen. [..] Der König wendete bei dem Schlag, den das tat, den Kopf halb zur Seite und sagte, ohne sich im geringsten zu erregen: ‚Ich denke, das sind meine Fransen.‘

Es war in der Tat ein Paket, größer als ein Priesterhut … Es von weit hinter mir gekommen [..] und eine Haarsträhne, die sich in der Luft gelöst hatte, war oben auf die Perücke des Königs gefallen. Livry, der zu seiner Linken saß, sah sie und entfernte sie. Er rückte ans Ende der Tafel und sah, dass es tatsächlich die zum Paket verschnürten Haarfransen waren […] Livry, der das Paket wegnehmen wollte, fand darauf ein angeheftetes Billet; er nahm es und ließ das Paket liegen […].

Folgende Worte, geschrieben in ungestalteter und langgezogener Schrift, wie von einer Frau, standen darauf: ‚Nimm diese Fransen zurück, Bontemps; die Mühe übersteigt das Vergnügen. Meine Handküsse an den König.‘ Es war zusammengerollt, aber nicht verschlossen. Der König wollte es aus den Händen D’Aquins nehmen, der sich zurücklehnte, es befühlte, rieb, hin und her drehte, es dann dem König zeigte, ohne es ihn anfassen zu lassen.

Der König befahl ihm, es laut vorzulesen, obwohl er gleichzeitig selbst las ‚Das ist‘, sagte der König, ‚etwas sehr Ungewöhnliches‘, aber in einem ganz gesammelten und gleichsam historischen Ton. Er befahl dann, das Paket zu entfernen. [..]

Von diesem Moment an sprach der König nicht mehr darüber und niemand wagte mehr, darüber zu reden, zumindest nicht laut; und der Rest des Abendessens verlief, als ob nichts geschehen wäre.“

Aus: Saint Simon, Mémoires, Bibliothèque des la Pléiade, Bd. 1. Seite 618 f.

… Gehen vier Brahmanen durch den Wald …

„Vier Brahmanen gehen durch einen Wald. Drei waren gelehrt, der vierte war vernünftig. Sie sahen Gebeine liegen. Einer der Gelehrten sah, dass es Löwenknochen sind. Er legte sie zusammen. Der zweite war Anatom. Er umkleidete die Knochen mit Fleisch und Fell. Der dritte war Zauberer, der echte Wunder vollbringen kann. Er belebte den Löwen. Der vierte war bloß mit Vernunft begabt. Während die drei Männer aus den Knochen den Löwen machten, kletterte er auf einen Baum. Der Löwe fraß die drei, den vierten erreichte er nicht. Hier ist es der vierte Mann, der unbestraft bleibt. Es war der Mann mit den geringsten Wünschen.“

Aus: Viktor Schlowskij: Von der Ungleichheit des Ähnlichen in der Kunst.

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„Platos Zahlen hatten ’sichtbare und fühlbare Körper‘, auch wenn seine beiden Augen fixiert waren auf die geometrischen Wurzeln der Welt. Hunds-Zahlen zählen Hunde, Schaf-Zahlen Schafe, und Vogel-Zahlen ein Geflatter von Flügeln. Der Algebrista, der spanische Knochensetzer, stand bereit, den Schaden zu flicken.

Aristoteles sah im Schlaf Abstraktionen, als sähe er Wasser verdampfen. Jedoch immer noch eindeutige Zahlen von eindeutig benannten Dingen. Einen Vogel, einen unscharfen Flügel, hoch, aus dem Nichts. Der Wasserdampf kondensiert und, im Februar, gefriert. Tote Spatzen fallen von den Bäumen.“

Aus: Rosmarie Waldrop. Driven to Abstraction. Ins Abstrakte treiben.
Übersetzt von Elfriede Czurda und Geoff Howes.
Wien 2015.