.. unsagbar lebendig ..

“ … In geschlossenen Räumen aber stellten die Krisen sich leichter und häufiger ein. Gewöhnlich ertrug ich das Alleinsein in einem unbekannten Zimmer nicht. Musste ich warten, so kam nach wenigen Augenblicken die angenehm schreckliche Betäubung. Das Zimmer selbst bereitete sich darauf vor: eine warme, freundliche Vertrauthaut sickerte durch die Wände und ergoss sich über alle Möbel und Gegenstände. Plötzlich war das ganze Zimmer erhaben, und ich fühlte mich überglücklich in seinem Raum. Doch war dies nichts als ein Trugbild, das lag größtenteils an der Krise; eine ihrer anmutigen und subtilen Gemeinheiten. Auf den Rauschzustand folge unmittelbar der totale Umsturz und alles geriet durcheinander. Mit weit aufgerissenen Augen betrachtete ich meine Umgebung, doch die Dinge verloren ihren bekannten Sinn: eine neue Existenz tränkte sie. …“

M. Blecher: Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit. Übersetzt von E. Wichner. BS 1367.

Ein Gedanke zu „.. unsagbar lebendig ..“

  1. “ … Als hätte man sie überhastet aus dünnen, durchscheinenden Papieren gewickelt, in die sie dahin verpackt waren, so unglaublich neu waren sie anzusehen. Sie schienen einem höheren phantastischen Zweck zugedacht zu sein, den ich vergeblich zu ergründen suchte.
    Doch damit nicht genug: die Dinge waren von einem wahren Freiheitsrausch erfasst. SIe lösten sich voneinander ab, gewannen eine Unabhängigkeit, die nicht nur schlichte Vereinzelung bedeutete, sondern auch ekstatische Erregung.
    Die Begeisterung, von einer neuen Aura umgeben zu sein, ergriff auch mich: starke Fäden verbanden mich mit den Dingen, eine unmerkliche Osmose ließ mich zu einem Gegenstand des Zimmers werden, genauso wie alle anderen – wie ein auf lebendes Fleisch verpflanztes Organ sich durch subtilen Stoffwechsel dem unbekannten Körper anverwandelt. (..)
    Das Gewöhnlichste und Bekannteste an den Dingen verwirrte mich am meisten. Die Gewohnheit, sie oft und immer wieder zu sehen, endete vermutlich damit, dass ihre Außenhaut sich verbrauchte, und so erschienen sie mir mitunter bis aufs Blut enthäutet: unsagbar lebendig. (..)
    Das Zimmer hatte eine vage Erinnerung an die Katastrophe bewahrt, wie Schwefelgeruch an der Stelle, wo eine Explosion stattgefunden hat. Ich betrachtete die gebundenen Bücher in dem verglasten Schrank, und in ihrer Unbeweglichkeit erkannte ich, ohne zu wissen wie, einen widerlichen Anflug von Geheimniskrämerei und Komplizenschaft. Die Dinge meiner Umgebung legten nie ihr geheimnisvolles Verhalten ab, beharrlich wahrten sie es in ihrer ernsten Reglosigkeit. …“

    M. Blecher. Aus der unmittelbaren Unwirklichkeit. Übersetzt von E. Wichner.

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